Die Angst vor der Liebe

Angst vor der LiebeAus unserer täglichen Praxis …

Gestern las ich in einem Journal einen Bericht über Liebe und Angst. Eine These darin war: „Wenn die empfindlichen Menschen sich doch entschliessen könnten, etwas weniger Angst zu fühlen, wären viele Probleme ganz einfach gelöst“.

 

Das ist doch mal eine klare Erkenntnis. Habe ich noch nie gehört …
Also, macht das doch … entschliesst euch doch mal … hört sich doch einfach an.

Beim Lesen des Berichtes fiel mir dann ein Klient ein, nennen wir ihn an dieser Stelle mal Tobias. Er ist jetzt durch die Hölle seiner Ängste vor seiner Liebe gegangen. Ein Leben lang war er vor seinen Gefühlen weggelaufen, wie der Teufel vor dem Weihwasser. Er war zum Experten des logischen und vernünftigen Denkens geworden. Was hat er mit mir gerungen, mich ständig in Diskussionen zu ziehen, um etwas zu verstehen.

Mehrmals hat er die Frau, die er eigentlich liebte und die ihn wirklich wollte immer wieder abgewiesen, wenn es „eng“ wurde. Er hatte Angst vor der Liebe, weil er sie nicht kontrollieren konnte. Unberechenbares und Ungewisses war ein Horror für ihn. Als er dann endlich bereit war sich diesem Prozess zu stellen, erschöpft, müde und resigniert vom Widerstand, war es zu spät. Sie wollte nicht mehr. Er beschreibt das, was er dabei erlebt hat, als „grausam“. Doch warum hatte er sich nicht schon früher „ergeben“. „Immerhin fühlte ich danach eine unglaubliche Kraft, Zuversicht und Selbstvertrauen …“

Nun ist es aber so, dass Angst genau so elementar ist wie Liebe. Eine universelle Gesetzmässigkeit. Es sind die beiden Polaritäten, in dessen Spannungsfeld wir leben. Sie bestimmen uns. Da wo das eine ist, muss das andere auch da sein. Das eine dient dem anderen zur Erkenntnis. Da wo Liebe ist, ist auch gleichzeitig Angst und da wo Angst ist, ist gleichzeitig Liebe. Das ist aber den meisten Menschen nicht bewusst.

Wie bekomme ich das nun zusammen? Erst mal gar nicht. Denn sie lassen sich nicht einfach „auflösen“, denn beides will gefühlt werden. Wenn wir unsere Teilnehmer und Klienten fragen, wovor sie am meisten Angst haben, hören wir fast immer „die Kontrolle zu verlieren“ … mit dem Resultat „Ohnmacht zu fühlen“. Ein Graus für jeden.

Hier müssen wir aber unterscheiden zwischen physischer und psychischer Angst. Die funktionale und auch Über-Lebensangst und die fiktive psychische Angst. Bei der ersten geht es darum etwas zu tun, bei der zweiten darum etwas zu sein. Glücklich sein und entspannt oder lebendig sein kann man nicht tun. Alles was die Menschen tun, tun sie aber nur, um ein bestimmtes Gefühl zu bekommen … oder zu verhindern.

Wenn die Menschen fiktive Angst fühlen, glauben sie, sie müssen etwas tun, dass es ihnen „besser“ geht, was immer das auch individuell für den einzelnen bedeutet.

Aus der ganzheitlichen Perspektive gesehen und wenn Bereitschaft und Neugier da ist, könnte man aber die Notwendigkeit erkennen, die Angst zuzulassen um sie zu erforschen. Die Angst als notwendiges Werkzeug, um sich der Liebe zu stellen.

Welcher Liebe aber? Der Bedürftigkeitsliebe, die im aussen nach Erfüllung sucht und abhängig macht? Oder der Eigenliebe, der bedingungslosen Selbstakzeptanz?

Achtung, jetzt kommt es …
… nur durch die Erkenntnis der Angst vor der Selbstakzeptanz geht es zur Liebe …

Ja, Freunde des „liebevollen Lebens“, das würde ja heissen, erst einmal liebevoll mit sich selber umzugehen – sich der Angst im Inneren zu stellen. Alles zuzulassen, was sich ausdrücken will – Neugier und Angst, ohne Wenn und Aber. Hier gibt es nichts mehr zu verstehen und schon gar nicht zu diskutieren. Hier kann man auch nicht mehr mit dem Teufel verhandeln.

Lest mal was Tobias erfahren hat, was es mit ihm gemacht hat und wie er damit nun umgeht. Das ist echt irre …

„Was am Freitag bei mir abgegangen war, empfand ich als ‚innerliche Implosion‘. Nachdem ich durch meine grösste Angst hindurchgegangen bin, indem ich es schaffte meinen Verstand auszuschalten und meine Intuition zuzulasssen. Danach empfand ich Leere und Erschöpfung. Ein Zustand, den ich noch nie erlebt habe und indem ich auch meine Tränen nicht mehr kontrollieren konnte. Es waren Tränen aus Erschöpfung, Unfassbarkeit, innerer Leere und Zufriedenheit, Wut, Trauer etc. So, habe ich noch nie in meinem Leben geweint. Und langsam realisierte ich, dass ich im durchgehen dieser Angst, endlich mein Selbst respektieren durfte, respektive die Liebe zu meinem Leben, indem ich dieser Frau endlich meine Liebe zu ihr ‚eingestehen‘ konnte. Das kam sehr wahrscheinlich zu spät und das tut weh. Aber sie war/ist letztendlich stellvertretend für die Wiederentdeckung meiner Liebe zu meinem Leben. Und für diesen Prozess bin ich dieser Frau für immer dankbar. Immerhin fühlte ich danach eine unglaubliche Kraft, Zuversicht und Selbstvertrauen. Aus der grössten Angst entstanden vor meinem inneren geistigen Auge nur noch Chancen. Ja, jetzt habe ich erlebt, was es bedeutet, dass der Verstand nicht in der Lage ist, hinter die Angst zu schauen.“

Wie schreibt Eckhart Tolle so schön: „Das Wunder der Angst.“ Sich verlieren heisst, sich befreien.

Also ihr Lieben, bleibt schön neugierig.
Klaus

4 Kommentare

  1. Lieber Klaus
    Eigentlich finde ich kaum Worte. Es hat mich zu tiefst ergriffen, betroffen , dankbar gemacht und mich ermutigt. Es ist eine Antwort auf meine zuvor eflossenen Tränen.
    Herzlichen Dank auch „Tobias“ für sine Offenheit und sein Teilen. Es ist unendlich kostbar immer wieder erfahren zu dürfen, ein Tei eines Ganzen zu sein.
    Danke
    Liebe Grüsse Mon

    Antworten
  2. Selbstliebe transformiert erlebte Polarität

    Mein bisheriges Erleben lässt mich erkennen, dass ich – solange ich eine Vorstellung von Beziehung habe – leiden werde, denn sie basiert auf Erinnerungen aus meiner eigenen Geschichte und sozialer Akzeptanz, wie eine Beziehung auszusehen hat.

    Eine Alternative wäre, dass ich mich mir und dem gegenwärtigen Moment hingebe: ich mich-selbst-beziehe. Dies mit der inneren Haltung, im jeweiligen Moment immer wieder und neu frei von Vorstellungen zu sein. Denn Liebe in einer partnerschaftlichen Beziehung kann eine Strategie sein, Selbstbeziehung, -hingabe und -liebe zu umgehen, statt derer andere Menschen sich mir hingeben (sollen) und ich sie – statt meiner selbst – auf einen Sockel stelle. Ich benutze aus Angst vor mir und meinen Seelentiefen andere Menschen, um meine eigene vermeintliche Unzulänglichkeit, mein Defizit zu kompensieren. Dies funktioniert bestenfalls solange, bis die Erkenntnis meines Schmerzes in mir erblüht, nicht mit den eigenen Seelentiefen verbunden zu sein, nicht eins mit mir selbst zu sein.

    Niemand kann mir die Angst vor mir und diesen Schmerz nehmen, nur ich selbst in meinem Weg durch die Polarität. Nur meine Selbsthingabe wird mich dorthin bringen, wo ich mir selbst genug bin, Friede und Bedingungslosigkeit meiner Existenz spüre. Dort, wo ich mich in allem annehme, im Angenehmen und Unangenehmen, wo ich über mich hinauswachse, grenzüberschreitend mutig in meiner Angst bin, Bewusstsein aus Unbewusstem erwächst, Ignoranz dem Wissen, Bedingtes der Bedingungslosigkeit weicht, geschieht Transformation: Selbstliebe als Abschwächung meiner erlebten Polarität. Erst auf diesem Weg wird etwas in mir sichtbar und kommt durch mich hindurch in diese Welt, das nicht von dieser Welt ist; etwas, das jenseits der polaren Aspekte ist, schimmert durch diese hindurch. Meine Angst und mein Erleben von Polarität werden weniger durch mich begünstigt, ihr Ende wird eingeläutet: Ein weiter Weg, eine lange Zeit, ein Mosaikstein nach dem anderen, ein hehres Ziel … und in Dankbarkeit und Demut gegenüber meiner Angst, meinem Mut, meiner Partnerin, meinen Mitmenschen, den variantenreichen Aspekten der Polarität, ihren Notwendigkeiten und Potentialen.

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  3. Dieser Bericht kam für mich genau zur „richtigen Zeit“:
    Liebe und Angst,- so ein intensives Thema. Ich kann Tobias so gut verstehen! Die Sehnsucht zu Lieben und geliebt zu werden,- und die grosse Angst sich dann wirklich und wahrhaftig einzulassen. Im Moment genau mein Thema. Denn ich weiss, es ist „nur“ die Liebe die mich endgültig die Kontrolle verlieren lässt,- und es ist auch immer wieder DIE grosse Sehnsucht auf der Herzebene, es zu wagen. Den Sprung in mein eigenes Herz zu wagen, vertrauend,- und das Geschnatter der Gedanken endgültig zu ignorieren. Die Sehnsucht den Sprung zu wagen ist so gross……..
    Ganz herzlichen Dank für den guten Bericht

    Chris

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  4. Hallo Klaus,

    dieser Abschnitt hat mich zum umdenken angeregt.

    Nun ist es aber so, dass Angst genau so elementar ist wie Liebe. Eine universelle Gesetzmässigkeit. Es sind die beiden Polaritäten, in dessen Spannungsfeld wir leben. Sie bestimmen uns. Da wo das eine ist, muss das andere auch da sein. Das eine dient dem anderen zur Erkenntnis. Da wo Liebe ist, ist auch gleichzeitig Angst und da wo Angst ist, ist gleichzeitig Liebe. Das ist aber den meisten Menschen nicht bewusst.

    Ich habe immer wieder von aussen vernommen, das Liebe kein Gegenpol bedingt, weil Liebe der Urspung alles seienden ist und das Angst der Mangel an Liebe sei.
    Fühlte mich oft Liebesunfähig weil ich Angst empfand. Dies nicht nur in der Parnerschaftlichen Liebe, auch in der Liebe zu meinem Kind.

    Wenn die Begleitung eines Kindes von Sorge und Angst durchdrungen ist, agiert man irational und einengend und das Kind wird sich früher oder später abwenden. Es ist immer wieder eine Gratwanderung, weil es auch eine Verantworung als Eltern in sich birgt.

    Ich wäre euch dankbar wenn ihr mal etwas über (Liebe, Angst, Verantwortung, Schuldgefühle, Erwartungen, Aufopferung usw im Bezug auf Kinderbegleitung (mag das Wort Erziehung nicht) schreiben könntet.

    Danke euch für eure wertvolle Arbeit, die immer wieder neues aufzeigt und mich neue Wege begehen lässt.

    eva

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