Beziehung als Prozess der Selbstzumutung

SelbstakzeptanzDer Mut zur Selbstakzeptanz ohne „Wenn und Aber“ ist die Basis zur individuellen Unabhängigkeit auf den verschiedenen Ebenen des Lebens. Niemand kann seinen Lebensprozessen ausweichen, trotz aller Versuche. „Du kannst dem Schicksal nicht entfliehen.“ Diese Weisheit kennt doch jeder.

Die Prozesse vermeiden zu wollen, ist purer Widerstand und der schneidet uns nicht nur von uns selbst, sondern auch vom wirklichen Leben ab. Nur das ZULASSEN gibt uns die Möglichkeit, alles auszudrücken, was gelebt werden will.

Die „grosse Lebenskunst“ besteht also im Aushalten von sich selbst, mit allen emotionalen „Möglichkeiten“ die es gibt. Was du nicht lebst, lässt dich nicht leben.

Als dafür notwendige Reflektion in diesen Prozessen der Selbsterkenntnis dient die Beziehung. Natürlich in erster Linie die unmittelbare „Partnerschaft“, aber auch erweiterte Formen im gesamten Bezugssystem.

Die nachfolgenden anschaulichen Ansichten einer Klientin (von ihr genehmigt) sind so klar und deutlich, dass ich hier an dieser Stelle gar nichts mehr erklären will und kann. Das müsst ihr einfach lesen. Eindeutiger geht es nicht.

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Mein Ex meinte einmal, wenn er nicht bei sich sei, könne er kein vollkommenes JA zu einer Beziehung spüren. Dabei liegt es doch irgendwie auf der Hand, dass eben genau diese zwei Aspekte einander bedingen. Die Beziehung im Aussen dient lediglich als Spiegel für die Beziehung zu sich selbst. Man kann es nun drehen und wenden wie man will – kein Ja zu sich selbst, kein Ja zur Beziehung; kein Ja zur Beziehung, kein Ja zu sich selbst …

Die Auslegung liegt im Auge des Betrachters … wir filtern ja stets so, dass es in unser Schema passt. Oft vergisst man dabei, dass man bei der ganzen Bewusstheit und dem Durchblicken und erkennen der Dinge den eigenen Blick verklärt. Dass wir in bequem vorgefertigten Bahnen unsere Scheinwerfer ausrichten … im Trugschluss Klarheit zu erlangen.

Es liegt gerade total im Trend, die immer tiefer greifende Suche nach diesem ominösen Selbst … und die narzisstische Persönlichkeitsstruktur. Denn ist nicht auch das „sich verloren fühlen“ eine Form des Narzissmus? Indem man sich nicht erfassen kann, bindet man die Gedankenkreise mit der vollen Aufmerksamkeit an sich – stellt sich auf einen goldenen Thron und klebt das Etikett „leidet an Selbst-Suche …“. „Selbst-Sucht“ wäre sicher der passendere Aufkleber ….

Dabei geht es doch darum, sich selber anzunehmen wie man ist … Genau dabei liegt aber auch die Eigenverarschung, in die es oft mündet – wenn man sich sucht und entsprechend noch nicht gefunden hat, muss man sich nicht annehmen … weil man vermeintlich nicht weiss wer man ist. Man muss sich dann nicht aushalten.

Man könnte aber auch einfach damit anfangen sich auszuhalten, dann wüsste man danach ganz genau wer man ist. Nur scheint es halt eben manchmal so zu sein, dass man sich eigentlich schon längst gefunden hat – und bloss nicht zufrieden damit ist.

Zudem ist es ja auch einfacher, sich alleine auszuhalten … als zusammen mit einem Spiegel, der einem Fragen an sich selbst aufwerfen lässt, der antriggert, der reizt, im positiven wie auch im negativen Sinne. Das falsch verstandene „Allein-sein“ als Prozess wäre ein Thema für sich …

In einem selbst erschaffenen Vakuum findet man sich nicht. Und so irrt man weiter auf dem Weg, der irgendwann der eigene werden soll. Wir „sind auf dem Weg“… auf dem Weg zu irgendwas, für irgendwas. Leider drehen wir dabei den Blick nur allzu selten um, sodass wir erkennen könnten, dass wir uns längst selbst im Rucksack mitschleppen.

Stattdessen sind wir bemüht, Stein um Stein da raus zu schuften, um leicht und leer zu werden, sodass wir schneller gehen und uns baldiger finden können. Dabei vergessen wir, dass diese Steine lediglich Fragmente genau des Ichs sind, das wir suchen. Wir suchen es, weil wir es zerstreuen, indem wir uns von den Steinen befreien. Und nicht zu selten entpuppt sich dies als wortwörtlich in den Weg gelegten Stein.

Ja, es ist einiges passiert in meinem Leben. Heute kann ich Prozesse, selbst diejenigen die sich durch die Trennung von meinem Partner ergaben, annehmen und bewusst durchleben. Natürlich kommen Ängste immer noch wie am Fliessband angerast. Doch heute führen sie mich schlussendlich nur zu mir selbst zurück und widerspiegeln meine altbekannte Ohnmacht. Die Beziehungsebene bietet dazu die beste Bühne.

Meine Prozesse haben mich ehrlicher werden lassen – gegenüber mir selbst und anderen. Das gibt ein ungeahntes Freiheitsgefühl, das ich jetzt nicht mehr einfach so aufzugeben bereit bin. Auch nicht für eine Partnerbeziehung. Wie solche Beziehungen in Zukunft für mich aussehen sollen, weiss ich noch nicht konkret. Dafür muss ich zuerst die ganzen angelaufenen Prozesse weiter prozessieren und integrieren.

Angst vor Nähe, das war in den letzten Tagen ein zentrales Thema, das bei mir aufploppte. Es ist ein sehr altes Thema und alles was man kennt, schafft Sicherheit. Diese Angst ist auch eine Art Schutzmechanismus. Eine Art Mittel zum Zweck, um wieder in der altbekannten Opferrolle sein zu können.

Eigentlich ist die wirkliche Angst die Angst vor mir selbst. Die Angst, dass ich mich verliere, mich im Bedürfnis, im Drang nach Symbiose verliere. Es ist meine Symbiose, die ich der Beziehung nur überstülpe, sodass ich ein Feindbild im Aussen habe, gegen das ich mich wehren kann. Dabei geht es darum, mich so zumuten zu dürfen, ohne das Gefühl zu haben, damit zu zerstören.

Auch wenn am Schluss bloss der Schmerz bleibt, ist es der Schmerz über die Unerfülltheit. Schlussendlich liegt hinter dem Schmerz die Erkenntnis, dass die Unerfülltheit nur der Umkehrspiegel dazu war, dass man die Erfüllung längst in sich trägt, sie wurde einzig vergessen.

Ja, es bedingt den Kontakt zu mir, dass ich in Kontakt mit der Welt sein kann. Es bedingt den Kontakt zu mir, dass ich wirklich in Beziehung sein kann. Nun habe ich Kontakt zu mir und da ist eben diese Angst vor mir selbst, dass ich mir diesen Kontakt wieder wegnehme, durch meine Symbiose.

Jedoch gibt es diese tiefere Ebene, auf der mir bewusst ist, dass ich diesen Kern nie mehr verliere – weil er einfach ist. Ebenso bewusst bin ich mir, dass jeder Verlust nur eine Illusion der äusseren Welt ist, dass jeder Schmerz eine Erfahrung, einen Prozess birgt, den ich auf eben dieser tieferen Ebene mit Dankbarkeit durchlebe, der mich führt auf meinem Weg in immer tiefere, klarere Schichten.

So sage ich mir: „Also nimm das Leben, auch wenn Du der Lebendigkeit so hinterherjagst!“

Das Sein beschäftigt mich gerade sehr. Und ich hänge daran fest, dass ich das „beschäftigt“ nicht raus bringe aus dem Sein. Lange Zeit war dieses Sein eine Wolke, der ich nachjagte. Nun bin ich irgendwie drin in der Wolke, sie umgibt mich. Jetzt müsste sie mich bloss noch durchdringen … bald.

Die alte Kinderangst mich „festzulegen“ deutet hin auf die Angst des Stillstandes, der Endgültigkeit, des gefangen sein in einer Situation. Sie ist nicht mehr realitätsbezogen, denn die Kleine in mir ist nun erwachsen und kann sich entscheiden. Sie kann handeln, sie kann sich umentscheiden, sie kann auch immer wieder anders handeln.

Jedenfalls ist sie in der Selbstverantwortung – das vergesse ich wohl ab und zu. Vielleicht schwingt auch das Ent-scheiden mit, dass jede Entscheidung auch einen Verlust mit sich bringt. Alles haben wollen. Alles sein wollen. Nicht begrenzt sein wollen. Nicht nur in der Partner-Beziehung, es zieht sich durch.

Und schnell bin ich wieder einmal bei meiner Ambivalenz. Einerseits strample ich mich wehrend gegen das Einlassen, Festlegen und Entscheiden. Andererseits tauche ich tief ein in die Welten, die ich betrete, verschmelze beinahe damit. Und dann bin ich irritiert, dass mein Verdauungssystem verstört ist und Krankheiten produziert. Als ob ich noch nie etwas von Psychosomatik gehört hätte. Da sage ich mir dann immer: „Lass diese flüchtige Welt sein, lass Dich selbst sein!“   C. V.
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Das Leben ist Forschungsprogramm. Es will erlebt werden! Was dann zu der Erkenntnis führt, dass du dich erst dir selber zumuten musst, bevor du dich den anderen zumuten kannst.

Alles andere hat zur Folge: „Wenn du etwas vorgibst, was du nicht bist, bekommst du etwas, was du nicht brauchst!“

Alles Liebe
Ursula

3 Kommentare

  1. Hallo Ursula,

    danke für die Erinnerung… Immer wieder neu und erfrischend.

    Manchmal braucht es eben einen Anstupser oder Arschtritt von außen um wieder nach innen zu schauen. :-)

    Herzlichst
    Dara

    Antworten
  2. Hallo Ursula,

    ja eine Partnerschaft bietet das bestmögliche Potenzial um sich selbst zu reflektieren und zu heilen. Sehr schön formuliert dein Text.
    Auf der Reise zum ICH BIN gibt es viel zu entdecken.

    Herzliche Grüße

    Sabine

    Antworten
  3. liebe Ursula
    herzlichen Dank für die Erinnerung. Wünsche dir und Klaus eine gute Zeit. Liebe Gruess Thea

    Antworten

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