Füttern wir mit Essstörungen nur hungrige Herzen?

Magersucht - Bulemie - FresssuchtEs ist nichts Neues, dass sich in meiner Praxis junge Mädchen und Frauen mit Essstörungen die Klinke in die Hand geben. Nur die Intensität, mit der dieser ungewollte Trend seit Jahren aufrechterhalten wird, lässt darauf schliessen, dass die Ursachen sehr viel tiefer oder eben individueller verborgen liegen als von der allgemein Psychologie allgemein hin vermutet.

Natürlich haben Essstörungen mit einem verfremdeten Selbstbild zu tun. Da spielt es tatsächlich keine grosse Rolle, ob es sich beim Symptom um Magersucht, Bulimie, Fresssucht oder gleich alles miteinander handelt. Doch gerade weil es sich um psychosomatische Krankheiten handelt, sind die Ursachen immer individuell angesiedelt.

Wenn dann ein Betroffener endlich einmal vor einem Psychotherapeuten, Arzt oder eben mir sitzt, ist sie/er bereits an dem Punkt, an dem etwas gravierendes passiert ist. Vorher wird erst einmal lange Zeit verleugnet, als wenn das eigene Verhalten einen umbringen könnte.

Für Betroffene ist der Schritt „nach draussen“ unheimlich schwierig. Sich einzugestehen Hilfe zu brauchen, fällt keinem leicht. Hier greifen nochmal andere Kontrollmechanismen, was einen Schritt heraus fast unmöglich machen kann. Warum?

Zu lange hat man daran gearbeitet seine „Techniken“ zu perfektionieren – Widerstände zu bekämpfen.
Zu oft hat man die Menschen, die einem zum Essen zwingen wollten verabscheut. Zu sehr hat man sich wegen all diesen Gründen zurückgezogen und glaubt nun allein um sein Überleben zu kämpfen.

Auch eine Essstörung läuft unter dem Prinzip „Macht und Ohnmacht“ und ruft deshalb auch den starken Drang nach Kontrolle auf den Plan. So schöpft ein Magersüchtiger seine Macht aus seinem Kontrollzwang. Seine brachiale Selbstdisziplin nicht essen zu „müssen“, treibt ihn/sie bei Erfolg euphorisch an.

Die Bulimie schenkt vermeintliche Erleichterung, wenn der Betroffene seine strengen Essgewohnheiten einmal nicht kontrollieren konnte. Der/die Ess-Fresssüchtige erliegt derweil der Ohnmacht, weil sie sich nicht „vollständig“ fühlt und sich mit Essen aufzufüllen versucht, um wenigstens für einen Moment das Gefühl von „Eins sein“ und Vollständigkeit zu empfinden.

Eines jedoch gilt für alle: sie fühlen sich nicht in „Ordnung“ und sie versuchen verzweifelt ihr „hungriges Herz“ zu füttern, bzw. die Sehn-Sucht nach sich selbst zu stillen. Ursprünglich wollen sie nichts anderes als sich selbst fühlen. Was hält sie davon ab?

Zum einen erliegen wir alle der faszinierenden bunten Welt da draussen, die mit ihren Verlockungen unserem Ego einimpft, dass wir dazu gehören dürfen, wenn wir gewissen Vorgaben entsprechen. Natürlich stellen wir uns anhand dessen dann unsere eigenen Regeln auf, was durch die fehlende Beziehung zu uns selbst sehr oft und sehr schnell, auf Aussenstehende sehr abstrakt wirken kann.

Wir merken dabei oft gar nicht, wie wir eine „Faszination für das Schreckliche“ entwickeln und basteln verbissen weiter an unserer Wunsch-Identität. Dieser Selbstbetrug bleibt von unserem Bewusstsein indessen nicht unentdeckt. Das „ungute Gefühl“ wird weiter genährt, was die Flucht vor uns selbst verstärkt und die Kompensationen mit allfälligen Süchten aufrecht erhält.

Ja, man könnte das durchaus einen Teufelskreis nennen. Vor allem wenn man bedenkt, dass auch beim vorliegenden Thema der Essstörungen, sehr viele Menschen ums Leben kommen. Sie bezahlen mit ihrem Leben, weil sie der Stärke des Verlangens und Suche nach Befriedigung, Linderung von Schmerzen, aber vor allem der Flucht vor sich selbst, immer wieder „die Dosis“ erhöhen.

Wie bereits angedeutet, sollte bei allen „Behandlungsmethoden“ der Ursache mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als dem Symptom. Das ist zwar nicht der einfachere Weg, zumal die Ursache für eine Essstörung so vielfältig und individuell ist, wie die Klienten die mich deshalb aufsuchen.

Es bringt nichts ein Symptom zu „therapieren“. Damit wird – im vorliegenden Fall die Essstörung – nur unnötig verstärkt. Gleichzeitig wird das Mangeldenken des Betroffenen zusätzlich genährt. Eine Dynamik, die bei näherer Betrachtung jedem einleuchtet. Dennoch ist die Symptombekämpfung auch heute noch eine mehrheitlich verbreitete Vorgehensweise in allen Sparten der Therapie-Angebote.

Da der Körper alles andere als eine Maschine ist, wird er sich über kurz oder lang gegen die Misshandlungen seines Besitzers wehren. Das ist dann meist auch der Zeitpunkt, an dem Süchtige oft zum ersten Mal ihre Grenzen kennenlernen.

Oft ist der Zusammenbruch die letzte Instanz des Körpers. Es ist auch der Moment, den selbst ein extrem kontrollierter magersüchtiger Mensch, als Warnschuss wahrnimmt. Dann besteht sogar die Möglichkeit, dass er/sie sich freiwillig – ohne Druck vom Umfeld – nach Unterstützung umsieht.

Letzteres ist natürlich die optimalste Ausgangslage, um wieder in seine originale Lebensenergie zu kommen und den Prozess der Verdrängung und Unterdrückung zu entlarven. Dass es möglich ist, beweisen unzählige Klienten, die sich in der Reflektion durch mich, sich selbst gestellt und gefunden haben.

Liebe Grüsse UMA

Mehr zum Thema Sucht und der Arbeit von Ursula Maria Auktor findest du in ihrem aktuellen Buch: „Zeig mir wer du bist!“.

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Bin ich beziehungssüchtig?

Die Illusion der Ich-Identität

 

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Bildquellennachweis:

Wordcloud Essstörungen – https://de.123rf.com/mylightbox_detail.php?lid=3478928&start=100&mediapopup=33410005 – von skdesign   https://de.123rf.com/profile_skdesign

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