Ent-täuschende Romantik

Leseprobe System Beziehung„Die romantische Liebesbeziehung
ist eine privilegierte Form des Leidens.“

Bei dieser Aussage müssen doch bei jeder Romantikerin die Nackenhaare hochgehen und jeder Harmonie-Süchtige müsste spätestens jetzt wegklicken …?! Oder fallen dir etwa auch sofort Filme ein wie: Pretty Woman, Titanic, Dirty Dancing …?

Letzteres scheint ein eher weiblicher Reflex zu sein. Denn die meisten Männer reagieren auf die Aussage im Titel – „Die romantische Liebesbeziehung ist eine privilegierte Form des Leidens“ – sehr schnell mit Zustimmung und sehr pragmatischen Beispielen von unromantischen Partnerinnen im gemeinsamen Beziehungsalltag.
Zugegeben, das sind Informationen, die die Welt nicht wirklich braucht. Ausserdem handelt es sich bei diesen „Umfrage-Ergebnissen“ um Reaktionen aus meinem Praxisalltag und nicht um eine repräsentative Studie einer Universität. Dennoch widerspiegeln sie das heutige Verständnis von Beziehung und Liebesbeziehung im Speziellen.

Nicht nur, dass Frauen und Männer auch im fortschrittlichen 21. Jahrhundert noch immer unterschiedlich ticken, auch der unterschwellige Einfluss der Medien ist nicht von der Hand zu weisen. Natürlich kann man zur eigenen Verteidigung anführen, dass gerade in dieser spannungsgeladenen und unsicheren Zeit attraktive Werbebotschaften oder harmonische Liebes- und Lebens-Happy-Endings in Filmen noch besser greifen. Das zeigt aber auch nur, dass Romantik mit Sicherheit, Geborgenheit und unsterblicher Liebe gleichgesetzt wird. Spätestens nach dem zweiten „miss-glückten“ Anlauf auf „Wolke Sieben“ fragt sich der eine oder die andere: „Was ist mit mir nicht in Ordnung?

Wie kommt es nun, dass die „Liebes-Industrie“ – mit dem Hauptmotiv Romantik – dermassen Kasse machen kann? Wo doch jeder halbwegs normale Erwachsene, irgendwann in einem schwachen Moment, erkennen muss, dass die Bilder aus Hollywood, der Werbung oder Partner-Such-Plattformen nur an der Oberfläche kratzen.
Natürlich spielen in der ersten Verliebtheits-Phase die Schmetterlinge im Bauch verrückt. Doch auch dieses Phänomen wurde uns durch die Wissenschaft gehörig ent-romantisiert, denn in dieser Verliebtheit schüttet unser Körper eine chemische Substanz namens Phenylethylamin (PEA) aus, das uns quasi „narkotisiert“. So bekommen Wortwendungen wie „Rosarote Brille“ oder „Blind vor Liebe“ eine völlig neue Bedeutung. Sobald sich aber der körperliche, bioenergetische Prozess wieder etwas eingependelt hat, hält schnell der Alltag – mit seinen schwarz/weiss Eindrücken – Einzug und lässt den Partner als das erkennen, was er/sie ist – ein Mensch mit Ecken und Kanten.

Dieser Mensch trägt Prägungen aus seinem Leben in sich, die an Individualität nichts zu wünschen übrig lässt. Eines haben jedoch alle Beziehungswilligen, als auch die Unwilligen gemeinsam: Die Angst verletzt, verlassen oder verraten zu werden. Doch auch die Scham über die eigenen, vielleicht nicht ganz alltäglichen Bedürfnisse – soweit man sich diese überhaupt eingesteht – treibt viele dazu, im Partnerschafts-Jahrmarkt mindestens eine geschönte Maske aufzusetzen, um den potentiellen Partner nicht sofort in die Flucht zu schlagen. Allein mit den kreativen Konzepten, die als „Lockmittel“ auf der Partnersuche eingesetzt werden, kann man Bücher füllen, deshalb davon ein anderes Mal mehr …

Heute geht es mir einzig darum, dich zu desillusionieren, was die auf Romantik, Harmonie und Verschmelzung basierenden Partnerschaftssysteme angeht. Denn gerade weil wir uns in einer unruhigen und spannungsgeladenen Zeit befinden, wirken genau diese Attribute an eine Partner-Beziehung sehr verlockend. Dass aber genau damit der Druck auf den Einzelnen steigt, die unausgesprochenen Erwartungen erfüllen zu „müssen“, scheint vielen erst aufzufallen, wenn sich die Wege eines Paares bereits zu trennen beginnen.

– Kennst du romantische Wunschvorstellungen von dir selbst?
– Wie passen diese in deinen Beziehungsalltag?
– Wo kollidieren sie mit der „Realität?“
– Wenn du gerade auf Partnersuche bist: Wo fliessen deine Wunschvorstellungen in dein „Partnersuchbild“ mit ein?

Wäre sicher interessant für dich, da mal hinzuschauen und das nicht nur, wenn du leidvolle „Begegnungen“ schon kennst. Denn was solche meist unbewussten Wunschvorstellungen immer mit sich bringen sind ERWARTUNGEN. Nicht nur an sich selbst, sondern genauso an den Partner.

Vielleicht beleuchtet es die Menschen um dich herum – und deinen Partner im Speziellen – etwas anders, wenn du dir bewusst machst, dass sich jeder von uns mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Mangelbewusstsein durchs Leben schlägt. Die Ursachen dafür sind so individuell wie der Mensch selbst. Doch eines liegt diesem „Zustand“ zugrunde – eine Identitätslosigkeit.

Das bedeutet, dass sich jeder von Kindheit an erst einmal von sich selbst entfernt. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden legt sich normalerweise jeder diverse, falsche Identitäten zu. Spätestens dann, wenn man aus diesen Identitäten herauswächst und sie nicht mehr zu passen scheinen, beginnt eine – zunächst unbewusste – Suche nach sich selbst. Diese Lebensphase ist meist recht unbequem, weil viele der bisherigen Einstellungen, Haltungen oder Ideen nicht mehr funktionieren. Solche Unsicherheiten sind natürlich echte Killer für eine souveräne oder gelassene Gefühlslage. Da will man dann einfach nur noch raus. Oft auch, indem man in eine vermeintlich sichere Liebesbeziehung „flüchtet“.

Auch sehr viel verbreitet ist die Taktik, sich noch vehementer auf das Altbekannte zu konzentrieren. „Vielleicht war ich nur nicht diszipliniert genug …“ und ähnliche Gedanken bringen uns dann auf die Idee, doch noch härter an unserem „falschen“ ICH zu arbeiten, um da draussen und in der Beziehung wieder besser funktionieren zu können. Das Programm „ICH-Optimierung“ ist damit gestartet und schliesst das DU des Partners nicht selten gleich mit ein. Doch das latent unangenehme Gefühl in einem selbst bleibt, was nur noch weitere Ablenkungsmanöver – bis hin zu irgendwelchen Suchtverhalten – auf den Plan ruft. Allerdings wirken diese Verbesserungs- und Optimierungs-Strategien nur wie Make-up, nämlich oberflächlich. Darunter schwelt ein Brand mit Namen „Sehnsucht“ – der Sehnsucht nach sich selbst.

Da es das Eine nie ohne das Andere geben kann, gibt es tatsächlich auch zur romantischen Hollywood-Schnulzen-Liebesbeziehung eine „Gegenbewegung“. Frauen und Männer, die genug davon haben oberflächliche und vielleicht sogar selbstverleugnende Partner-Beziehungen zu führen. Sie sehen die Partner-Beziehung ganz klar als Chance und wollen die Möglichkeit nutzen – durch sie und mit ihr – zu ihrer wahren Identität zu gelangen. Dass erst damit eine innige Liebes-Beziehung entstehen kann, die frei von Abhängigkeiten und Bedürftigkeiten auf Augenhöhe stattfindet, mag romantisch klingen, doch der Weg dahin ist es mit Sicherheit nicht. Es bedingt nämlich, dass du dich auf dich selbst und die Möglichkeiten deiner ganz eigenen Wahrheit einlässt und genau das ist für die meisten das schwierigste Unterfangen überhaupt im Leben.

Nützliche Grundlagen einer gesunden Beziehungskultur:
– Werde dir über deine eigene Befindlichkeit klar: „Wer bin ich?“
– Fühle erst in dich hinein, bevor du aus dem Kopf handelst.
– Bleibe bei deiner Wahrheit und teile diese offen und ehrlich mit – ohne Wenn und Aber.
– Lerne zuzuhören.
– Akzeptiere immer das individuelle Wesen des Partners.

Mehr zum Thema „Partner-Beziehung“ findest du in meinem Buch
„Das System Beziehung – Illusion & Sucht, das am 15. Oktober 2015 erschienen ist.

In der Zwischenzeit hol dir schon mal die Gratis Leseprobe

Alles Liebe

Ursula Maria Auktor

 

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Bildquellennachweis:

Eheringe auf Stacheldraht – https://de.123rf.com/mylightbox_detail.php?lid=3478928&start=200&mediapopup=6382850 – von anyka   https://de.123rf.com/profile_anyka

1 Kommentar

  1. Liebe UMA,

    ich hoffe, ich darf dich so nennen.

    Nach dem ich dein erstes Buch und auch das Buch von Klaus gelesen habe, bin ich nun mental informiert, worum es geht. Jetzt geht es an die Umsetzung.

    Die Punkte 3, 4 und 5 deiner Liste habe ich schon ganz gut integriert und setze sie auch in der Praxis in meiner Beziehung ein. Punkt 2 bin ich am Ausprobieren, und ja, es ist ganz gut.

    Was ich aber jetzt endlich genau merke, ist, dass es total an Punkt 1 hapert. Und natürlich weiß ich schon seit Jahren, dass ich co-abhängig bin und ich bin total stolz, dass ich inzwischen seit 7 Jahren eine Beziehung mit einer tollen aber nicht einfachen Frau führe, in der ich mich schon unheimlich entwickelt habe (siehe Punkt 3 – 5). Nun sind wir wieder einmal an einem Punkt, an dem scheinbar nichts mehr funktioniert (kein Sex, keine Lust auf Nähe usw.)

    Ich bin wieder mal ganz auf mich zurück geworfen. Und nun merke ich, dass ich, wenn ich mal alles weglasse, was ich für andere tue oder um anderen zu gefallen oder angenommen zu werden, dass ich dann gar nicht mehr weiß, was ich noch tun soll, dass ich zu nichts mehr Lust habe, dass nichts mehr von mir übrig bleibt. Ich werde depri, lustlos, müde und langweilig. Und plötzlich merke ich: Ja das bin ich! So sieht es aus in mir, wenn mal alles äußere wegfällt, wenn ich mich nicht mehr verstelle, um in dieser Welt zu funktionieren, zu gefallen, akzeptiert zu sein. Und das fühlt sich echt scheiße an. Und ich denke mir, wer soll es so mit mir aushalten?

    Ich habe so eine Ahnung, als ob alles zusammenstürzen würde, weil ich total depressiv werden würde, dass ich meinen Job als Techniker nicht mehr machen könnte und es kommen Riesen-Existenzängste. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich es gar nicht mehr aufhalten kann.

    Meine Partnerin findet es gut, was gerade passiert, aber ich habe vor allem Angst um meinen Job. Jetzt wäre es gut, bald bei euch anzurufen und einen Termin auszumachen. Noch bin ich nicht so weit (zu weit, zu teuer, zu viel Aufwand…). Aber dieser Kommentar ist ein Anfang. Und das Rad rollt…

    Vielen Dank für eure Bücher und liebe Grüße

    Norbert

    Antworten

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