Ich lebe mich jetzt selbst …

SelbstbeobachtungLetzte Woche traf ich einen ehemaligen Teilnehmer unserer Seminare. Er erklärte mir stolz, dass „er sich nicht mehr leben lasse, sondern jetzt selbst lebe“.

Ich war neugierig, was mit ihm geschehen war und wir beschlossen, zusammen einen Kaffee zu trinken.

„Die konzentrierte Selbstbeobachtung und schonungslose Reflektion habe ihm die Augen geöffnet. Er sehe jetzt alles aus einer anderen Perspektive. Es hätte ihn zunächst erschreckt und dann auch entsetzt, wie sehr er vorher ungeprüfte Sichtweisen, Einstellungen und Standpunkte einfach übernommen und ihnen vertraut hätte.“

Ich hörte einfach nur zu und wollte seine Begeisterung über seinen Prozess nicht unterbrechen. Er war so richtig in Fahrt. Er liess seinen Emotionen vollen Lauf. Es war so, als hätte er die Entdeckung seines Lebens gemacht. Ich dachte mir, damit könnte ich ihn glatt vor einem grossen Publikum auf die Bühne stellen, wo er doch sonst eher sehr zurückhaltend und introvertiert war.

Natürlich habe ich ihm auch ein paar Keywords entgegen geworfen, die er sofort auffing. Ich sollte eigentlich für solche Fälle immer ein Aufnahmegerät bei mir haben. Natürlich auch für die, die meistens jammern und klagen.

Natürlich gibt es ohne die schonungslose Erforschung des eigenen Selbst keine Selbst-Bestimmung. Die wenigsten Menschen wissen aber um den Unterschied zwischen dem ICH und dem Selbst und noch weniger, wie die beiden zusammenkommen und harmonieren könnten. Es geht darum, diese Klarheit zu erfahren. Das ist der grundsätzliche Prozess.

Steht das ICH mit seinen ständigen Optimierungs- und Verbesserungs-Programmen im Vordergrund, um über seine Tätigkeiten etwas zu erreichen? Oder wird es genährt und geführt aus der Perspektive des Selbst-Seins? Diesen Prozess kann man nicht lernen. Man kann ihn auch nicht verstehen und deshalb auch nicht strukturieren und weitergeben, sondern man muss bereit sein, ihn zu erleben. Wir sprechen dann von einem integrierten ICH-SELBST-MANAGEMENT.

Der tiefere Sinn liegt dann darin, sein ganz eigenes und wahres Leben zu leben und zu uns selbst und zu unserer ureigenen Identität zu finden. Zum Selbst gehört also, den eigenen Lebensplan zu erkennen und damit die eigene Zukunft im vollen Bewusstsein zu erforschen und zu erleben. Wenn es kein Bewusstsein für das eigene Selbst gibt, kann es auch kein ICH-SELBST-MANAGEMENT geben. Selbst sein heisst aber auch, anders sein als die anderen.

Aber was ist aus uns geworden? Was hat das Leben mit uns gemacht? Beziehungsweise, was haben wir – durch unsere Unbewusstheit – mit uns machen lassen? Wie oft folgen wir im Alltag nicht dem, wofür wir mit unserer Identität tatsächlich stehen; das, was für unsere Individualität passend ist? Stattdessen leben wir in einer Routine von Gewohnheiten aus eingeprägten Schaltkreisen in unserem Gehirn.

Das Verhalten folgt grösstenteils dem Druck der Anpassung an das, was wir glauben, was wir tun müssten. Aber wer oder was gibt das vor? Wer oder was bestimmt die Massstäbe, an denen wir uns messen? Der Umstand, dass sieben Milliarden Menschen im Hamsterrad von begrenzten Ressourcen und ständiger Zeitnot ihre wahre Identität suchen, führt immer mehr dazu, wenig beeinflussbare Abhängigkeiten zuzulassen.

Möglichkeiten zur konzentrierten Beobachtung werden uns nicht nur genommen, wir nehmen sie uns auch selbst.

Mittlerweile formiert sich aber ein Widerstand gegen den schleichenden Prozess zunehmender Einengung und Enteignung der eigenen Autonomie, stark gewachsenen Abhängigkeiten und, was den meisten am wenigsten bewusst ist, einer unmerklichen Infantilisierung.

Es ist ein Widerstand gegen Überfütterung, Überwachung und Bevormundung. Der Wunsch nach einem Aufbruch äussert sich immer lauter. Von manipulativen Kampagnen jeder Art haben zunehmend immer mehr Menschen genug. Immer mehr Menschen haben Lust auf Unabhängigkeit, auf eine Freiheit, die aus bewusstem ICH-SELBST-MANAGEMENT erwächst.

Immer mehr Menschen sind auch bereit, die Verantwortung für ihre Lebensidee SELBST zu regeln und dabei zu erfahren, dass die „eingefleischten“ Programme umgeschrieben werden können. Sie sind bereit zu erfahren, dass andere Sichtweisen und damit auch andere Erlebnisse das Gehirn und die neuronalen Schaltkreise verändern. „Psyche schafft Biologie.“

Aus dem kurzen Kaffeeplausch wurde dann ein sehr intensiver Austausch. Natürlich habe ich versucht, seine Begeisterung auf die Weitergabe seiner eigenen Erkenntnisse und die Öffentlichkeit zu richten. Das ist doch mein Job. Wir brauchen doch Nachwuchs. Ihr kennt mich doch …

Alles klar? Alles Clarius!
Klaus**

 

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Bildquellennachweis:

Mann vor grossen Zahnradgetriebe – https://de.123rf.com/mylightbox_detail.php?lid=3478928&start=100&mediapopup=25995071 – von Sergey Nivens   https://de.123rf.com/profile_nexusplexus

2 Kommentare

  1. Wenn ich es wage, mich ohne Maske anzuschauen, sehe ich erschreckende Abgründe im freien Fall. Aber der Mut zu springen ohne zu bewerten oder etwas vermeiden zu wollen lässt mich erfahren, dass ich an einem weichen elastischen Seil hänge, das mich auffängt und dorthin schwingt, wo ich wirklich schon immer sein wollte. Ich schaue mir beim Leben zu und staune. Danke lieber Klaus, es wirkt.

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  2. Hey Klaus, dies ist ein wunderbarer Beitrag! Manchmal ist so vieles, das eigentlich wichtig ist im Leben und das, was uns weiter zur Entfaltung und Entwicklung bringen würde, verdeckt von unseren Konditionierungen und der Idee, wir müssten uns anpassen und sein, wie es vorgegeben wird. Von wem eigentlich?
    Toll, man spürt den Enthusiasmus von diesem ehemaligen Teilnehmer und die Kraft, die nun daraus entsteht. Ich freue mich dafür und weiss, es ist ein Weg, der notwenig ist. Lust auf Freiheit, ja genau! In Liebe, Claudia

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